Stress- und traumainduzierte Störungen umfassen pathologische Reaktionen auf außergewöhnliche Belastungen im psychischen und sozialen Bereich. Je nach Art und Schwere der Belastungssituationen entwickeln (auch ansonsten völlig gesunde) Menschen reaktive Veränderungen im Gefühlsleben und Verhaltensbereich, die zu alltagsrelevanten Beeinträchtigungen führen können. In der NEXUS-Klinik sehen wir besonders Menschen, die in sog. traumaexponierten Berufsgruppen beschäftigt sind wie z.B. Rettungskräfte, Ärzte, Berufssoldaten, Polizeibeamte, Kriseninterventions- und Katastrophenschutzkräfte, ansonsten werden regelmäßig Opfer häuslicher und sexualisierter Gewalt behandelt. Wesentliche Faktoren für die Entstehung stress- und traumainduzierter Störungen sind dabei das belastende Ereignis selbst, die biologische Verletzbarkeit (sog. Vulnerabilität), die Persönlichkeitszüge sowie die sozialen Interaktionen. Grundsätzlich gilt: Je schwerwiegender die ursächliche Belastung, umso häufiger kommt es zu reaktiven Folgestörungen, umso stärker zeigt sich der Ausprägungsgrad der Störung.
Typische Beispiele für akute Belastungsereignisse oder länger andauernde Lebensumstände, die zu psychosomatischen Folgereaktionen führen können:
Die Wissenschaft geht davon aus, dass die Symptomatik ohne das vorangegangene belastende Ereignis (akutes Belastungsereignis bzw. länger andauernde Lebensumstände) nicht aufgetreten wäre, es muss sich also ein kausaler Zusammenhang herleiten lassen. Gleichzeitig gilt, dass die gleiche psychosoziale Belastungssituation bzw. das gleiche traumatisierende Ereignis bei jedem Menschen zu unterschiedlichen psychischen, körperlichen und sozialen Reaktionsweisen führen.
Die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung einer relevanten psychosomatischen Folgereaktion gilt dann als besonders groß, wenn das schädigende Ereignis von anderen Menschen bewusst herbeigeführt wurde (sog. „man-made-trauma“): entsprechend entwickeln bis 60 % der Betroffenen nach einem Trauma mit sexualisierter Gewalt eine Posttraumatische Belastungsstörung, bis 40 % nach direkter Einwirkung kriegerischer Handlungen, bis 20 % nach körperlicher Gewalt, bis 10 % nach schweren Verkehrsunfällen.
In der NEXUS-Klinik werden trauma- und belastungsbezogene Störungen nach ICD-10 (bzw. ICD-11) und DSM-5 klassifiziert. Besondere Behandlungsschwerpunkte sind
- akute Belastungsreaktionen
- posttraumatische Belastungsstörungen
- andauernde Persönlichkeitsänderungen nach Extrembelastung
Bei der akuten Belastungsreaktion handelt es sich um eine in der Regel stunden- bis tagelang anhaltenden Reaktion auf außergewöhnliche körperliche und/oder seelische Belastungen. Es zeigt sich ein gemischtes und gewöhnlich wechselndes klinisches Bild mit einem Zustand der Betäubung (Bewusstseinseinengung, eingeschränkte Aufmerksamkeit, Störung der Reizverarbeitung, Desorientierung) und Folgesymptomen aus Depression, Angst, Ärger, Überaktivität und sozialer Rückzug mit Vermeidung. Beobachtet werden ansonsten wiederkehrende, sich aufdrängende Erinnerungen an das traumatische Ereignis, belastende Träume, dissoziativ anmutende Reaktionen wie flashbacks, eine anhaltende Unfähigkeit, positive Gefühle zu empfinden und ein erhöhtes Arousal (Schlafstörungen, Schreckreaktionen, Reizbarkeit bis hin zu Wutausbrüchen).
Während die Dauer der akuten Belastungsreaktion wenige Tage bis zu einem Monat nach dem traumatischen Ereignis anhält, handelt es sich bei der Posttraumatischen Belastungsstörung um eine verzögerte oder protrahierte Reaktion auf eine extreme und außergewöhnliche Bedrohungssituation. Die Störung folgt also dem Trauma mit einer Latenz von Wochen bis Monaten. Die Symptomatik ist äußerst vielgestaltig und kann im Einzelfall stark variieren zwischen depressivem Charakter mit dissoziativen und somatoformen Symptomen bis hin zu psychoseähnlichen Zuständen. Bis heute ist das Spektrum der Klassifikationen von Traumatisierungen groß.
In der NEXUS-Klinik unterscheiden wir kurz dauernde bzw. einmalige Traumatisierungen - Typ-I-Trauma - von langanhaltenden bzw. mehrfach wiederholten Traumatisierungen - Typ-II-Trauma - von der sog. komplexen posttraumatischen Belastungsstörung.
Für die Diagnosestellung lassen sich wiederum 3 Symptomgruppen zusammenfassen:
- Wiederholtes Erleben des Traumas in sich aufdrängenden Gedanken, Erinnerungen und (Alb-)Träumen,
- emotionaler Rückzug mit Teilnahmslosigkeit, Verlust der Lebensfreude, Gleichgültigkeit und Vermeidungsverhalten,
- Vegetative Übererregtheit mit Vigilanzsteigerung, Schreckhaftigkeit, Schlaflosigkeit.
Depressionen und Angstreaktionen sind sehr häufig assoziiert, nicht selten lassen sich Suizid- und Lebensüberdrussgedanken erfragen.
Letztlich kann es nach langanhaltenden und extremen Belastungen zu einer tiefgreifenden Veränderung der Persönlichkeitsstruktur kommen. Die Symptomatik der andauernden Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung zeigt sich z.B. in Form einer vorher nicht bestehenden, misstrauischen oder gar feindlich gesinnten Haltung der Umgebung gegenüber, typisch ist auch ein chronisches Gefühl der Leere und Hoffnungslosigkeit sowie eine Nervosität im Sinne eines ständigen „Bedrohtseins“ bis hin zu einer Entfremdung. Die Persönlichkeitsänderung muss zumindest für die Dauer von 2 Jahren bestehen.
In der NEXUS-Klinik werden – dies nach genauer Einzelfallanalye - sinnvolle und effektive Therapiemaßnahmen vornehmlich aus der Fachrichtung der Psychotraumatologie angewandt. Wesentliche Elemente der psychotherapeutischen Behandlungsverfahren sind Hilfestellungen, die traumatisierenden Erlebnisse in einer realistischen Sichtweise zu betrachten (Integration in die Lebensgeschichte) mit dem Ziel der Neuinterpretation des Traumas und der Wiedergewinnung von Kontrolle über die Symptome und das eigene Leben. Dabei haben sich in der NEXUS-Klinik kognitiv-verhaltenstherapeutische Verfahren (z.B. Expositionstechniken, Angstmanagement-Training, Distanzierungstechniken wie Beobachterperspektive) ebenso wie psychodynamische Konzepte (z.B. Lösung intrapsychischer Konflikte unter Einbeziehung von Techniken der sog. Ego-State-Therapie) bewährt. Daneben wird bedarfsgerecht die Augenbewegungsdesensibilisierung und -verarbeitung (EMDR: Eye Movement Desensitization and Reprocessing) eingesetzt. Auch imaginative Verfahren und in Einzelfällen das sog. Debriefing kommen in der NEXUS-Klinik zum Einsatz. Als besonders günstig hat sich erwiesen, die Traumabearbeitung mit Techniken zur Aktivierung von Ressourcen zu kombinieren im Sinne eines Pendelns zwischen Ressourcenaktivierung und Aktualisierung der traumatischen Erinnerung. Letztlich werden Menschen mit trauma- und belastungsbezogenen Störungen in der NEXUS-Klinik sehr behutsam über Möglichkeiten psychopharmakologischer Behandlungsstrategien aufgeklärt, der Einsatz von antidepressiv wirksamen Substanzen kann im Einzelfall sinnvoll sein und ist empirisch gesichert.